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Pflegende Kinder und Jugendliche.
1.16

Fachthema: Young carers_Kinder und Jugendliche, die Angehörige pflegen: "Man kann nicht mal sauer auf sie sein."

Sie sind die nicht sichtbaren Pfleger*innen, die wir in der Fachwelt bislang wenig wahrgenommen haben.
Kinder und Jugendliche, die ihre Angehörigen pflegen.
Sie haben Mütter, die beispielsweise an MS oder Krebs erkrankt sind und dauerhafte Pflege benötigen.
Dabei geht es für die Kinder und Jugendlichen manchmal um kleine Handreichungen für ihre Angehörigen oder zur Übernahme von  Einkäufen und Essen kochen. Kinder und Jugendliche sind in sehr unterschiedlichem Maße in die Pflege eingebunden bis hin, dass sie die Hauptansprechpartner*in und die zentrale pflegende Person im Haushalt sind, weil sie mit der erkrankten Person alleine im Haushalt zusammen leben. Dann kann es bis zur Versorgung des gesamten Haushaltes, Ansprechpartner*in für die Betroffene Person und bis zur Intimpflege der Angehörigen gehen.

Die Folgen
Die Rollenumkehr ist dabei nur eines der Probleme, die zu psychischen Folgen führen können. Die Kinder und Jugendlichen stellen häufig ihre eigenen Bedürfnisse, Emotionen und Interessen zurück. Zudem ist es für viele Betroffene quasi unmöglich ärgerlich auf die Angehörige zu sein, um sich abzugrenzen und die eigenen Bedürfnisse altersgerecht einzufordern,
Schulleistungen und Kontakte zu Gleichaltrigen, Sport und Freizeit bekommen zu kurz. Der eigene Entwicklungsraum und die altersentsprechenden Bedürfnisse und Lernschritte bleiben im schlimmsten Fall aus.
Es handelt sich also um eine besondere Form von Vernachlässigung, die wir in vielen Fällen als §8a-relevant einschätzen. Eine Betroffene, die nun erwachsen ist und eine eigene Familie gegründet hat, erklärte mir, dass sie ihr Erlebtes als eine besondere Form des Missbrauchs empfindet und froh ist, dies heute als Erwachsene nach vielen Psychotherapieeinheiten so offen benennen zu können. Ihre Mutter zentrierte alle pflegenden und emotionalen Bedürfnisse auf sie als Tochter; die beiden lebten zu zweit in einer kleinen Wohnung.

Häufigkeit
Laut einer zweijährigen Studie der Universität Witten Herdecke im Auftrag des BMFSFJ sind 6,1 % der Kinder und Jugendlichen ab der 5. Klasse in die Pflege von Angehörigen involviert und übernehmen Verantwortung. 64 % davon sind Mädchen, 36% Jungen, die alle unter 18 Jahre sind.
Das sind hochgerechnet 478.915 Kinder, in jeder Schulklasse in Deutschland ein betroffenes Kind.

Kinderschutz relevante Situationen
Auch Jugendämter, Ärzte, Kliniken und Schulen nehmen diese Kinder und Jugendlichen nur wenig wahr oder sind ratlos, was getan werden kann. Beiden Seiten muss man gerecht werden, erklärte mir eine Fachkraft, denn die betroffenen Angehörigen seien sowieso schon genug vom Schicksal gestraft. Wenn man dann noch das Kind aus der Familie nehmen würde, würde man diesen Menschen alles nehmen. Aber mal Hand aufs Herz sagten wir uns in unserer Diskussion: ist das nicht in den meisten Fällen so in der Jugenndhilfe? Ob eine Mutter durch schwerste Traumatisierung in ihrer Kindheit psychisch erkrankt ist und beispielsweise eine schwere Suchterkrankung als Folge entwickelt hat, oder sie eine körperlich chronische Erkrankung erleidet ist in jedem Fall ein schweres Schicksal. Und kann sich in beiden Fällen kindeswohlgefährdend für das dort lebende Kind (Kinder) auswirken.

Fachkräfte brauchen Wissen und Handlungsalternativen
Wir schauen aus der Perspektive des Kinderschutzes auf dieses Thema, als auch aus bindungstheoretischer Sicht. Welche Unterstützungs- und welche Schutzmaßnahmen brauchen diese Kinder? Welche Aufgabe hat hierbei das Jugendamt und wie sollten die anderen Akteure wie Schulen, Krankenkassen, SGV IX hier zusammen wirken?
Mittlerweile gibt es Studien zu diesem Thema sowie ein Handbuch für Fachkräfte. Gerne vermitteln wir diese Informationen auch auf Fachtagen oder im Rahmen einer Inhouseveranstaltung.

Klar ist, dass wir als Fachkräfte hier mehr Wissen und Aufmerksamkeit investieren sollten, um neue Konzepte und Unterstützungsformen zu finden.  

Unterstützungsplattformen finden Sie hier:

Catharina Hübner • Diplom Psychologin, systemische Therapeutin • Impressum   Datenschutz